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TYPO Berlin 2006 – Wir müssen spielen!

»Play« war das Motto der 11. TYPO Berlin. Drei Tage lang setzten sich namhafte Designer, Typografen und Wissenschaftler vor rund 1500 Teilnehmern mit dem Sinn und den Auswirkungen des Spielens auseinander (mit Fotogalerie).

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Die Katze ist aus dem Sack: Wir wollen, sollen, müssen, können spielen, und das nicht nur aus Spaß. Der Verleger und TYPO-Stammgast Bertram Schmidt-Friderichs macht für sich im Spiel einen Megatrend aus und sieht die Spielindustrie bereits an Hollywood vorbeiziehen: Das Spielen berge entscheidend mehr Lernelemente in sich als TV und Medienkonsum. »Das Spiel ist das Betriebssystem, auf dem Lernen stattfindet«, so formulierte brandeins-Autor Ralf Grauel diese Erkenntnis in seinem Vortrag. Sobald die Gesellschaft diese Komponente erkenne, werde die – bei Neuerungen übliche – pauschale Verteufelung ins Gegenteil umschlagen. Grauel ist überzeugt, dass wir uns von der Leistungs- zur Spielgesellschaft bewegen.

Nebenan lieferten 50 TYPO-Besucher hierfür den Beleg: Das »Design Game« von Petr van Blokland kam so gut an, dass die Teilnehmer die dreistündige Veranstaltung um zwei Stunden ausdehnten. Das Planspiel simuliert eine Arbeitswelt, in der zwölf Designagenturen und vier Auftraggeber um die Gestaltung des am besten verkäuflichen Produkts konkurrieren.

Aus den 61 Vorträgen und Workshops ließ sich aber auch eine zweite Tendenz erkennen: Auffällig vielen Referenten ging es um die moralische Komponente ihrer Arbeit. Sie zeigten sich motiviert von dem Anspruch, sich nicht von äußeren Zwängen leiten zu lassen, sondern mit ihrer Arbeit etwas Sinnvolles zu tun, etwas zu bewegen.

So rief Keynote-Sprecher Kalle Lasn, Konsumkritiker und Anti-Werbe-Aktivist aus Kanada, gleich zu Beginn der Veranstaltung die Gestalter im Publikum auf, ihre Macht über Medienpräsenz und -darstellung positiv zu nutzen. Designer seien viel mehr als Dekorateure: Statt Glitzer und Glamour zu verbreiten, könnten sie die Welt verändern. Lasn prophezeite eine Trendwende in der Designbranche: weg von der klinischen Welt der großen Werbekunden hin zur rauen Wirklichkeit der Straße.

Auch beim österreichischen Designer Clemens Schedler ging es um Authentizität und Ehrlichkeit. Seine Arbeit könne nur unter drei Bedingungen wirklich gut sein: Der persönliche Kontakt zum Auftraggeber müsse ihn berühren und begeistern, die Aufgabe müsse sein Herz bewegen und seinen Geist anregen, und er erwarte eine angemessene Bezahlung.

Einen grandiosen Auftritt lieferte Chip Kidd und avancierte damit erneut zu einem der Publikumslieblinge. Davor beeindruckte bereits die Amerikanerin Ellen Lupton, die gegen »Verbrechen gegen die Typografie« kämpft. Sie appellierte an die Gestalter, ihr Wissen nicht für sich zu behalten. Sinnvolles Design schaffe Gestaltungsräume und somit Freiheit. Krönender Abschluss der TYPO war der Vortrag des fußball- und spielbegeisterten Designers Fons Hickmann.

Nicht nur theoretisch, auch praktisch beleuchteten die TYPO-Macher ihre Devise »Play«. Beim Powerpoint-Karaoke wählten fünf Besucher eine dilettantisch erstellte Powerpoint-Präsentation aus, um dazu – zur Freude des Publikums – einen spontanen Vortrag zu halten. Zur Ermutigung gab es Wodka satt und weiße Schaummäuse.

Typeradio ist ein Micro-FM-Sender, ein MP3-Radiostream, eine Podcast-Station und – erstmals auf der TYPO – jetzt auch eine Live-Show. Die Interviewer Donald Beekmann und Liza Enebeis verließen ihre schwarze Studiobox und präsentierten auf der Bühne der TYPOhall einen visuellen Zirkus mit Gastartisten und Künstlern.

Berichtet wurde von der TYPO auch das erste Mal per Video-Podcast. Ebenfalls neu war, dass ein Dutzend Blogger während der Konferenz ihre persönlichen Eindrücke und Fotos in ihre Online-Tagebücher hochluden.

Bleibt die Frage offen, wie schlau die aus dem Sack gelassene Katze wird, wenn sie beginnt, mit den Mäusen zu spielen.

Die nächste TYPO Berlin findet vom 17. bis 19. Mai 2007 statt und steht unter dem Motto »Music«.